Das sogenannte »Mattsee-Ereignis« vom Frühsommer 1921 gilt gemeinhin als zentrale antisemitische Erfahrung Arnold Schönbergs und wurde in der Forschung als Initiale für dessen Fokussierung bzw. Rückbesinnung auf seine jüdische Identität gedeutet. Die »Austreibung«, der sich Schönberg als »vielleicht einer der ersten Juden in Mitteleuropa« in dem beliebten Badeort nahe Salzburgs ausgesetzt sah – er fasste diese später unter den euphemistischen Titel »ein nettes Erlebnis im Salzkammergut« (Brief an Stephen S. Wise, 12. Mai 1934) – bildet zweifellos eine Peripetie in Biographie und jüdischem Selbstverständnis des Komponisten.
Konfrontationen mit Antisemitismus lassen sich über einen Zeitraum von etwa sechs Jahrzehnten in Schönbergs Biographie nachzeichnen, an Individual- bzw. Kollektivereignissen festmachen und schließlich als Auslöser theoretischer und ästhetischer Reflexion in den Schriften zu »Jewish Affairs« sowie den Bekenntniswerken Moses und Aron (szenisches Oratorium, 1923/28–37), Der biblische Weg (zionistisches Sprechdrama, 1926–27) sowie A Survivor from Warsaw (Kantate, 1947) ablesen.
Nach seiner Emigration in die USA im Oktober 1933 benannte Schönberg die Periode nach dem »Mattsee-Ereignis« als jene seiner ideellen Rückkehr zum Judentum (die offizielle sollte erst im Juli 1933 in Paris erfolgen). Er habe zuvor jedoch nie gänzlich seiner jüdischen Wurzeln entsagt und stets als Jude begriffen. Die Ereignisse in Mattsee hinterließen nicht nur tiefe Spuren in Schönbergs Biographie, sondern repräsentieren auch einen historischen Paradefall des sogenannten »Sommerfrischen-Antisemitismus«. Mattsee steht hier stellvertretend für etwa 70 Orte in Österreich, die zu Beginn der 1920er Jahre mit dem Etikett einer »judenreinen« bzw. »judenfreien« Sommerfrische warben.
Das Arnold Schönberg Center widmet der Chronologie des Frühsommers 1921 aus 100-jähriger Distanz eine Online-Ausstellung, in der täglich ein repräsentatives Objekt vorgestellt wird. Die Dokumentation beginnt am 2. Juni mit Schönbergs Ankunft in Mattsee und endet am 26. Juli. Es ist jener Tag, an dem der Komponist seiner verehrten Freundin Alma Mahler von einer bahnbrechenden kompositorischen Neuerung berichtet: »Die Deutscharier, die mich in Mattsee verfolgt haben, werden es diesem Neuen (speciell diesem) zu verdanken haben, dass man sogar sie noch 100 Jahre lang im Ausland achtet, weil sie dem Staat angehören, der sich neuerdings die Hegemonie auf dem Gebiet der Musik gesichert hat!« Ein am 24. Juli 1921 konzipiertes Klavierstück kontextualisiert diesen Schlusspunkt der Ausstellung und repräsentiert zugleich das 100-jährige Jubiläum der ersten kompositorischen Fixierung der Zwölftonmethode.
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Arnold Schönberg und der Sommerfrischen-Antisemitismus im Salzkammergut
Online-Gedenkausstellung • 2. Juni 2021 – 26. Juli 2021
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»Kunst ist auf der untersten Stufe einfache Naturnachahmung. [...] Auf ihrer höchsten Stufe befasst sich die Kunst ausschließlich mit der Wiedergabe der inneren Natur.«
(Arnold Schönberg, Harmonielehre, 1911)
Als Echoraum der Seele vermag die Natur in der Kunst Sehnsüchte und Träume metaphorisch ebenso zu imaginieren wie Irrungen und Täuschungen. Dem Künstler dient sie zuweilen als Versinnbildlichung extremster Gefühlsregungen: Liebe, Hoffnung und Freude sind darin in gleichem Maße eingeschrieben wie Angst, Trauer und Schmerz.
Arnold Schönbergs Musik kündet als Spiegel des zutiefst Menschlichen von einem Naturerleben, das in seiner Symbolik noch stark von der deutschen Romantik geprägt ist. In der Jugendzeit bekannte er, »die Naturempfindungen der Romantiker« noch »nachfühlen« zu können; die Aufgabe des Künstlers dürfe sich jedoch nicht im »Nachempfinden« erschöpfen.
Die Natur eröffnet vielfältige Spielräume für die Erforschung neuer kompositorischer Ausdrucksmittel, welche in der Ausstellung exemplarisch nachgezeichnet werden. Musikmanuskripte, Gemälde und Zeichnungen, Briefe, Tagebücher, Kalender und Fotografien bilden einen Parcours von Objekten, welche die Naturauffassung in der künstlerischen und geistigen Welt Arnold Schönbergs, aber auch Facetten seiner inneren Natur erahnen lassen.
Wie klingt Natur in der Vorstellung des Komponisten? Mittels digital animierter Partituren, die einen synchronen Bild-Ton-Nachvollzug erlauben, werden Archivalien in der Ausstellung zum Klingen gebracht. Hierbei erschließt sich das Schriftbild von Natursymbolik in Tönen oder ganz allgemein die Bedeutungsdichte musikalischer Notation als Visualisierung von Klangvorstellungen.
Kuratorin: Therese Muxeneder
Architektur: Jochen Koppensteiner
Digitale Realisierung: Christoph Edtmayr
Öffnungszeiten
Montag – Freitag 10–17 Uhr
feiertags geschlossen
Tickets
Erwachsene: € 6,00
Studierende unter 26, Senior*innen, Menschen mit Behindertenausweis/Assistenzpersonen: € 3,00
Kinder und Jugendliche unter 19 und Kulturpass-Inhaber*innen: gratis
Besucher*innen mit Vienna City Card: € 4,80
Mitglieder von Club Ö1, Ö1 intro, Stadt Wien Vorteilsclub, mdw club: € 5,40
ICOM-Mitglieder: gratis
Ausgewählte Objekte können als Teil einer Online-Ausstellung hier betrachtet werden.
Pressefotos:
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Fotos: © Hertha Hurnaus |




























